Das Mädchen und der Fernseher

In den ebay-Kleinanzeigen hatte ich mit Erfolg einen Fernseher entdeckt, der zu verschenken war. Da ich dank neuer Regelung sowieso Rundfunkbeitrag zahlen muss, war es nicht abwegig mir einen Fernseher zuzulegen um das Ganze wenigstens auszunutzen. Eines Donnerstagabends machte ich mich also auf den Weg um das gute Stück abzuholen. Für Tübinger Verhältnisse nämlich ziemlich weit von mir entfernt. Mit dem Bus den Berg hinauf ins dunkle Nichts, besser gesagt in ein Wohngebiet mit mittelmäßig ausgeleuchteten Straßen. Schnurstracks marschierte ich zur angegeben Adresse, halb paranoid dank der Vorstellung, dass mich ein Massenmörder mit dem Angebot in seine Wohnung gelockt haben könnte. War nicht der Fall.

Ein netter junger Herr kam herunter geeilt, holte für mich den Fernseher aus dem Keller und verabschiedete sich keine 2 Minuten später wieder von mir.

Da stand ich nun, mit einem Fernseher im Arm vor einem Wohnblock mitten im Tübinger Nirgendwo. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass es sich in der Anzeige um einen „kleinen Röhrenfernseher“ handelte. Das ist er auch. Was ich bei der Sache allerdings nicht bedacht hatte, war das stolze Eigengewicht dieses kleinen Geräts. Voller Zuversicht machte ich mich auf den Weg, mit beiden Armen den Fernseher vor die Brust klammernd, geschwind ab zur Bushaltestelle. Geschätzte 800 Meter. Meine Arme fielen mir bald aus den Sockeln. Auf den letzten Metern hatte ich wirklich Angst, dass mir das Ding einfach auf die Füße knallen würde. Irgendwie hatte ich es aber dennoch geschafft und konnte schnaufend den Fernseher zu Boden stellen. Der Bus kam nicht, wie ich es zuvor nachgeschaut hatte, in 5, sondern in 20 Minuten.

Man stelle sich vor: Eine lange Straße im Feld, abseits des etwas erhellten Wohngebiets. Eine eiskalte, sternenklare Nacht, die den Atem erdampfen lässt. Eine einzelne Bushaltestelle, durch nichts als ein Schild und eine Laterne gekennzeichnet. Und ein Mädchen, dass in ihre Daunenjacke gekauert, im orangegelben Lichtkegel, auf einem Röhrenfernseher sitzt und ihre Englischnotizen liest.

In diesem Moment meines Lebens hätte ich mir wirklich einen Fotografen gewünscht. Vielleicht auch ein wenig Hintergrundmusik.

Nach etwa 15 Minuten dieses poetischen Moments, gesellten sich zwei ältere Damen zu mir an die Haltestelle, die sich ohne Unterbrechung gegenseitig für ihre Salatrezepte lobten. Anscheinend enthielt Irmtrauds Farmsalat gerade die richtige Menge an Balsamico, denn zu viel Essig schlägt Hildgard immer sehr auf den Magen. Hildegards Rucksack war während der gesamten Unterhaltung geöffnet. Ich war gedanklich etwa 10 verschieden Szenarien druchgegangen, wie ich Hildegard auf dies hinweisen könne… dann kam der Bus.

Im Endeffekt war aber alles in Ordnung, denn als sich Hildegard im Bus schräg gegenüber von mir hinsetzte, bemerkte sie es selbst, und schloss gewissenhaft den Reißverschluss an ihrem kleinen schwarzen Rucksack.

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